Freitag, 3. Juni 2016
20:15 - 22:15

Keine Angabe
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Beschreibung

Mit Ferenc Molnárs unsterblichem Volksstück „Liliom“ eröffnet das Theater Marie in diesem Jahr die Sommersaison in der Alten Reithalle. Vom Aarauer Dichter Joël László neu übersetzt, verfolgt die Vorstadtlegende, wie Molnár sein Werk im Untertitel nannte, den Weg seines Titelhelden über den Tod hinaus.

Der eingefleischte Hallodri Liliom arbeitet für Frau Muskat, die ihn nicht nur als Angestellten für sich beansprucht. Als er der jungen und lebenshungrigen Julie den Hof macht, platzt der eifersüchtigen Chefin der Kragen und sie entlässt ihren besten Mann. Liliom und Julie werden ein Paar, aber schon bald zeigt sich, dass der Glaube an die Liebe stärker ist als die Liebe selbst. Als Julie schwanger wird, spitzt sich die prekäre Lage der beiden zu. Verzweifelt über seine Perspektivlosigkeit schlägt Liliom seine Frau. Nach einem gescheiterten Raubüberfall, der ihn eigentlich aller Sorgen hätte entheben sollen, weiss er keinen anderen Ausweg als den Selbstmord. In einer märchenhaften Wendung erhält Liliom vom himmlischen Gericht eine letzte Chance, seine Untaten auf Erden wieder gut zu machen.

„Liliom“, 1909 uraufgeführt, beleuchtet die Gesellschaftsschichten, die sich weit entfernt vom Aufmerksamkeitszentrum unserer Zeit befinden. In der kleinbürgerlichen Umgebung funktioniert Gewalt als Triebabfuhr für nicht ausgesprochene Konflikte. Die Figuren im Stück kämpfen mit ihrer ungestümen Emotionalität, während das gesellschaftliche Umfeld von ihnen Pragmatismus, Klarheit und Sittlichkeit fordert. In kurzen und prägnanten Spielszenen greifen die Molnárs Menschen ausgehungert nach allem, was nach Zuwendung und Interesse aussieht, und missverstehen es als Liebe. Dieser Konflikt entzündet in ihnen eine Aggression, für die sie sprachlich keinen Ausdruck finden können. Nicht einmal im Himmel erwartet sie eine Erlösung. Die himmlischen Instanzen geben sich grosszügig, sind aber in ihrer Rechthaberei ein trauriges Abbild unseres irdischen Willens, alles zähl- und kontrollierbar zu machen.

Die Inszenierung von Theater Marie ist ein Singspiel, das an den Abgründen und Scharnieren von Liedern angetrieben wird. Pascal Nater komponiert Volkslieder, die den Ausbruch aus der existentiellen Enge behaupten und die Figuren trotzdem immer wieder auf ihre Unbeweglichkeit zurückwerfen. Immer wieder versumpfen sie im Selbstmitleid und reagieren ihre inneren Widersprüche mittels Gewalt an sich und an anderen ab. Die Musik setzt an den Bruchstellen zur Gewalt an und schafft psychologische Lupensituationen. Wo die Menschen die Sprache verlieren, flüchten sie sich in den Gesang. Die Lieder reissen die inneren Verletzungen auf und zerren die Verwundbarkeit ins Sicht- und Hörbare.